Ein feiner, getrockneter Zweig mit zarten Blütenständen im weichen Gegenlicht

Mit der eigenen Tiefe nie fertig: Therapeutin sein heißt in Selbsterfahrung sein

Vor einigen Monaten habe ich ein Gespräch gehört, in dem ein international bekannter Traumatherapeut erzählte, er habe nun in seinen Achtzigern noch einmal eine eigene Therapie begonnen. Der Satz ist bei mir hängen geblieben. Er sagt etwas, das in meinem Berufsfeld selten laut gesagt wird. Wer andere begleitet, bleibt selbst auch immer ein Mensch mit Entwicklungsaufgaben, mit Schattenseiten und mit Ungelöstem im Herzen. Das hört nicht irgendwann einfach auf.

Ich bin davon überzeugt, dass man innerlich mit den Themen der Psyche nie durch ist. Es gibt immer eine Schicht mehr, einen Bereich, den man bisher umgangen hat, ein Gefühl, das bei einem bestimmten Gegenüber plötzlich lauter wird als gedacht. Ich bin seit Jahrzehnten in eigener Selbsterfahrung und werde es bleiben. Sie gehört für mich zum Beruf wie die Zahnpflege zum Leben oder das Üben zu einem Musikinstrument. Wenn wir gute Zähne haben wollen oder unser Spielvermögen verbessern oder auch nur erhalten wollen, hören wir ja auch niemals auf zu putzen oder zu üben.

Warum mir das so wichtig ist? Wenn mir ein Mensch von seiner Verzweiflung erzählt, von seiner Angst oder seiner Scham, kann ich nur dann wirklich dabei bleiben, wenn ich diese Gefühle aus eigener Erfahrung kenne, überwiegend gelungen integriert habe und sie somit bei mir nicht abwehren muss. Wer diesen Entwicklungsschritt nicht gemacht hat, oder eigene aktuelle belastende Lebensthemen nicht ausreichend bearbeitet, greift schnell zu etwas, das Abstand schafft. Das kann eine Technik sein, die das Gefühl möglichst rasch verschwinden lässt. Es kann auch eine Haltung sein, die das Verhalten und die Intensität des Hilfe suchenden Menschen vor allem als Störung betrachtet und damit auf Distanz hält. Beides schützt die Therapeutin, den Therapeuten selbst. Der Mensch, der gerade vor ihr bzw. ihm sitzt, hat davon wenig. Hilfreich ist es für ihn kaum, manchmal sogar schädlich. Wenn die therapeutische Beziehung aus diesem Grund für den anstehenden Heilungsschritt nicht ausreichend tragfähig ist, kann die Therapie das Leiden sogar verlängern.

Ich habe in Kursen, Seminaren und Selbsterfahrungsworkshops mit vielen Dutzenden Menschen gesprochen oder von ihren Erfahrungen gehört. Viele berichten von langjährigen, stagnierenden Therapien und von mehreren Therapeutenwechseln, weil sie die notwendige menschliche Tiefe und Reife in der Person der Therapeutin, des Therapeuten nicht erfahren konnten, die sie so dringend gebraucht hätten. Viele der Kolleginnen und Kollegen in diesen Gruppen waren in der verhaltenstherapeutischen Richtlinientherapie ausgebildet, die als besonders wissenschaftlich gilt und von den Krankenkassen bezahlt wird. Ihre Berichte ähneln sich. Die eigene Selbsterfahrung in der Ausbildung sei viel zu knapp gewesen. Sie habe ausschließlich in der Gruppe stattgefunden und sich in manchen Fällen so gestalten lassen, dass man kaum persönlich werden musste und die Erfahrung somit sehr oberflächlich blieb. Das ist keine Studie, nur das, was mir begegnet ist. Es begegnet mir allerdings oft genug, dass ich es nicht übergehen möchte.

Selbsterfahrung ist in der psychotherapeutischen Ausbildung vorgesehen, das ist klar. Mich beschäftigt, wie tief sie geht. Wie viel davon bedeutet, selbst einmal wirklich auf der anderen Seite zu sitzen, als Patientin oder Patient, und wie viel bleibt ein oberflächlicher Austausch, eine Pflichtveranstaltung, bei der man in der Komfortzone der eigenen fachlichen Rolle bleibt und sich davor drückt, sich als verletztes Menschenkind zu offenbaren, was wir alle auch sind? Aus meiner Sicht setzt ein System die falschen Prioritäten, wenn man die eigene Therapieerfahrung auf das Nötigste beschränken oder umgehen kann. Einen Menschen kann man nur so tief begleiten, wie man selbst bereit war, bei sich selbst hinzusehen, in die Tiefe zu gehen und zu fühlen.

Ich sage das ohne Vorwurf an einzelne Kolleginnen und Kollegen. Viele arbeiten gewissenhaft und gut, und manche Menschen haben auch ohne lange eigene Therapie eine große Präsenz. Für manche psychische Gesundheitsprobleme braucht es auch kaum eigene Tiefe, da reicht manchmal ein Manual oder eine Technik. Umgekehrt garantiert auch eine lange Selbsterfahrung gar nichts. Sie schützt auch nicht davor, sich selbst zum Mittelpunkt zu machen. Meine Frage gilt der Ausbildung und nicht den Personen.

Für mich ist Selbsterfahrung keine Qualifikation, die ich einmal erworben habe. Sie ist eine notwendige Praxis, die ich fortsetze. Denn ich bin der Überzeugung, dass ich nur dann eine gute Therapeutin sein kann, wenn ich in meiner Innenwelt wenigstens ein paar Schritte tiefer und weiter gegangen bin und gehe als meine Klientinnen und Klienten. Ich werde nie mit allem fertig sein, und ich werde nie alles selbst erfahren haben, was meine Klientinnen und Klienten erfahren haben. Dafür sind wir Menschen zu einzigartig. Aber meine eigene Vielschichtigkeit möglichst tief durchdrungen zu haben, halte ich für einen guten und enorm wichtigen Ausgangspunkt, um jemand anderen in seiner emotionalen Verfassung halten und, mehr noch, ihm mit bedingungsloser Wertschätzung, Offenheit und mitfühlender Präsenz den notwendigen liebevollen Raum geben zu können, den Menschen zum Gedeihen, Wachsen und gerade auch zum Heilen benötigen.